Anschauen Mit Deinen Händen Drucken

ANSCHAUEN MIT DEINEN HÄNDEN

Ich kann mich erinnern, dass das früher nicht erlaubt war.

Als Kind wollte ich alles berühren und anfassen, aber in dem Laden war das nicht erlaubt.

Dann sagte die Verkäuferin: „Nicht anschauen mit Deinen Händen“.

Bei dieser Skulpturenausstellung wollen wir gerade dazu ermutigen, mit den Händen anzuschauen.

Denn wenn man findet, dass diese Skulpturen eine schöne Form haben, und wenn die blauen (oder schwarzen oder manchmal grünen) Kristalle die Augen verzücken, dann kann schon der Wunsch oder das Verlangen aufkommen, sie zu berühren oder mit den Händen anzufassen oder mit der Hand zu streicheln, zu fühlen wie glatt es ist, oder wie zart es sich anfühlt. Oder zu fühlen, wie die Krümmung oder Wölbung von einer Fläche verläuft.

Wenn man mit den Händen betrachtet, kann man die Augen eigentlich schliessen. Mit geschlossenen Augen kann man besser fühlen. Dann verbindet man sich damit. Man überlässt sich völlig seinen Fingern, seinen Händen. Dann vereint man sich mit dem Stein, mit der Oberfläche. Man bewegt sich dann hinein in den Stein, man dringt durch die Oberfläche hindurch.

Den Wunsch sich innig zu vereinigen kann jeder Mensch erkennen. Ein anderes Wort dafür ist Liebe. Bei der Berührung erreicht dieses Verlangen eine tiefe (sichere) Erfüllung, eine Befriedigung. Man verbindet sein – isoliertes – Selbst mit einem übergeordneten Ganzen.

Gerade am Harten, Physischen treffen wir auf das Spirituelle, das Göttliche. Berühren ist Trennung und Verbindung zugleich (Novalis). Wir können oft nicht viel darüber sagen, jedoch zumeist wohl dass wir es „schön“ finden, dass es eine „schöne Erfahrung“ ist, und dann sagen wir zueinander: „Schön, nicht wahr?“

Wir teilen die Erfahrung miteinander. Schön ist das.

Paul de Lange