Eröfnung 2011 Drucken

Eröfnung Bredevoort 27-8-2011:

KLANGBILDER  /  MOMENTE DES SCHWEIGENS

 

Eine Gruppe niederländischer und deutscher Künstler hat in Norwegen im Hartgestein Larvikiet gearbeitet.
Der Titel scheint so logisch, poetisch gewählt, aber wenn Sie darüber nachdenken, seltsam: wieso Klangbilder, die doch klingen, und wie kann dies in Einklang gebracht werden mit „Momenten des Schweigens“?
Anfang des Jahres wurde im Aaltense Musea die Ausstellung „Sprechende Steine“ gezeigt. Ich hatte soeben dort meine Stelle als Direktorin angetreten. Es ging allerdings nicht um Kunst, sondern um Fossilien, Gesteine und Mineralien. Schöne bunte Edelsteine. Aber sprechen Steine? Sie wurden geschnitten oder aufgebrochen, große und kleine, gesammelt von Menschen mit Leidenschaft für diese Objekte. Sie brachten die Steine zum Leben. Sie erzählten uns wunderbare Geschichten über deren Ursprung und Entstehen.
Woher kommt das Bedürfnis zu sprechen – das Sprechen der Steine, Geschichten aus den Steinen holen? Ich habe mich mit der Frage beschäftigt und bin zu einigen Antworten gekommen (natürlich muss ich die Künstler selber noch befragen).

  1. Der Titel wurde gewählt, um Aufmerksamkeit zu erregen. „He, das hast du wohl gedacht, aber wirklich, dieser Stein ist nicht tot!“ Wie gesagt: „Schau hin und stelle fest, dass es sich lohnt. Denn: schauen wir eigentlich noch? Gehen wir in unserem hektischen Leben nicht viel zu schnell an den Dingen vorbei, statt gelegentlich stehen zu bleiben und zu genießen, was es zu sehen gibt in der Natur und Kultur. Einfach schauen, sehen und begreifen!
  2. Oder liegt es an der Wirkung von Gestein, das Ihnen einen Durchgang bietet und Sie, so Sie dafür offen sind, in eine andere Welt führt. Der Klang und zugleich die Stille suggeriert doch so etwas wie einen mystischen Kontrast, den wir aus einen sehr tiefen und intimen Erfahrung schärfen müssen. Von dem Bild zu sich selbst, eine Art Austausch von Schauen und überdenken, meditieren.
  3. Oder ist es die magische Kraft des Steines selbst. Die Wunderheilungen in Lourdes in der Höhle. Bredevoort hat sein eigenes Lourdes mit Grotte. Die heilende Wirkung kann auch vom Gestein ausgehen, zumindest kann es einen Beitrag liefern.

 

Stein und Geschichten, Sinn, Magie und besondere Kräfte.

Die Tradition geht weit zurück. Die ersten Berichte von Menschen sind auf Gestein überliefert: die Höhlenmalereien in den Höhlen von Lascaux. Die Zeichnungen handeln von dem täglichen Leben, damals besonders von Leben und Tod. Sie geben uns ein Bild von der Zeit. Die Schönheit der Zeichnungen gibt uns noch mehr. Kennen Sie die Venus von Willendorf?Venus van WillendorfAus der gleichen Zeit, etwas später, ca. 30-35.000 Jahre vor Christus. Diese kleine Dame in Stein kommt aus der urältesten Vorzeit zu uns herüber und erzählt uns, wie man damals das Leben und die Fruchtbarkeit schätzte, zumindest das denken wir uns heute, beim Schauen.
Stein, um zu erzählen vom täglichen Leben.
Stein, auch zum überleben; die Speerspitzen, in der Tat aus Hartstein, gestochen scharf.

Ich denke, dass in allen drei Optionen ein Fünkchen Wahrheit steckt: die Anleitung zum Schauen, die Meditation und die Tradition. Sie geben uns die Tiefe und die Breite des Materials an. Obendrauf legen wir noch unsere eigene Erklärung und entdecken, was es mit uns macht. Das geht mir wie dir, denn auch für mich sind die Werke noch unbekannt.

In der Regel bin ich eher zurückhaltend bei der Bitte, eine Ausstellung zu eröffnen, aber jetzt stehe ich hier wegen:

  • der Initiative selbst;
  • der Zusammenarbeit (als Studie der Inspiration);
  • das Meister/Gesellenprinzip gefällt mir;
  • Austausch über die Grenze; wichtig für mich;
  • Die Skulpturen-Route und das Erlebnis damit (es gibt viel zu erleben in Bredevoort);
  • Das gemeinsame Tun und aktive Erleben, Austausch über Kunst und Kultur.

Alles in allen Sachen, die auch für die Aaltense Musea wichtig sind. Diese erzählen Geschichten von einer „durchschnittlichen“ Gemeinschaft in normalen und ungewöhnlichen Zeiten. Das erzählen wir auf sehr unterschiedliche Weise. Künstler können auch zu dieser Geschichte beitragen. Ich sollte Sie – bei Gelegenheit – mit einem Thema herausfordern, damit sie loslegen können. Mit Material aus unserer Umgebung Geschichten erzählen (interaktiv), passend zu den Themen unserer Museen:

  • Die Textil- und Knopfindustrie
  • Die euregionale- landwirtschaftliche Entwicklung
  • Das Thema des Museums  Markt 12 in Aalten: Freiheit, Unterdrückung & Widerstand.

Zurück zu dieser Ausstellung, die Route in Stein, den Klangbildern und den Momenten des Schweigens.
Ich las über das Stein-Symposium in Norwegen, wo vor Ort gearbeitet wird. Dies ist bemerkenswert, direkt vor Ort, mit Material der Umgebung, zusammenarbeiten und umgestalten in etwas anderes, vom Menschen gemacht. Das gibt eine zusätzliche Dimension, das Erlebnis, etwas selber zu machen. In Amersfoort fand Anfang der 80er Jahre ein Bildhauer-Symposium unter freiem Himmel statt. Es war ein riesiger Publikumserfolg, weil man den Künstlern bei der Arbeit zuschauen und mit ihnen sprechen konnte.  Königin Beatrix kam auch zu Besuch, wir kennen sie als kunstliebende Eingeweihte mit dem Anspruch zu reden: sie ist immerhin selbst und nicht ohne Verdienst Bildhauerin!

Kurzum: Bildhauer, die mit Hartgestein arbeiten, befinden sich in einer langen Tradition und in guter Gesellschaft. Das Erzählen von Geschichten in aussagekräftigen Skulpturen ist seit undenkbaren Zeiten ein Weg für uns heutige Menschen, die Welt neu zu begreifen und zu sehen, was wichtig ist. Klangbilder sprechen zu uns in Momenten des Schweigens.

Ich hoffe, dass die Ausstellung ein Erfolg wird und dass die Skulpturen zu ihnen sprechen und ein breites Publikum erreichen.
Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen einen plaisierlichen  Spaziergang mit vielen Geschichten, Gedanken, Kräften und vor allem persönlichen Erfahrungen.

Gerda Brethouwer.