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Klangbilder / Momente Des Schweigens Drucken

KLANGBILDER / MOMENTE DES SCHWEIGENS

Als Mitglied und Mitarbeiter der Stiftung Beeldhouwerij Thorvald möchte ich gerne noch etwas sagen über den Titel dieser Ausstellung und die Beweggründe für die Titelwahl.

Auf zweien der Fotografien, die an den Schrankwänden hängen, habe ich einen Text / ein Gedicht geschrieben zu den Beweggründen für den Titel dieser Ausstellung. Ich darf sie vorlesen

KLANGBILDER

Klangbilder
Bilder klingen
Klingende Bilder
Steinerne Bilder
Bilder aus Stein
Klangsteine
Steine klingen
Klingende Steine
Steine als klingende Bilder
Steine als Klangbilder

(klanksteen laten klinken)

Steine kann man buchstäblich / physisch klingen lassen, aber Steine können auch erklingen wenn man schweigt und nach dem Bild (der Skulptur) lauscht.

 

MOMENTE DER STILLE

Augenblicke der Stille
Stille   Bilder  
Bilder (er)klingen in der Stille
Schweigende Bilder
In dem Augenblick der Stille
Klingt das Bild

Der letzte Satz gibt wieder, was wir mit dieser Ausstellung sagen wollen:

In dem Augenblick der Stille (er)klingt das Bild

Die Bilder selbst sagen nichts, egal ob es sich nun um ein(e) Bild (Skulptur) aus Stein handelt oder um ein anderes Bild, ein fotografisches Bild oder ein musikalisches Bild, es sind schweigende Bilder.
Aber sie können uns ansprechen, sie können erklingen (so wie es im Besonderen bei Musik der Fall ist), sie können erklingen, wenn man lauscht /zuhört, wenn man selbst kurz schweigt. Die Bilder schweigen, und wenn Du und ich  schweigen und lauschen/zuhören, dann kann das Bild etwas sagen, dann kann es/sie erklingen.

In den vergangenen Jahren habe ich damit begonnen, die Bilder (Skulpturen) von Thorvald zu fotografieren, und vor allem Details der Bilder (Skulpturen) sprachen mich an, und zu meiner Überraschung führte dies zu neuen Eindrücken, Miniaturen, Welten für sich.
Ich zoome/gehe gerne ins Detail, im Sinne des Eintauchens, des Annäherns, des Hinschauens wo es noch unbekannt ist, noch unerkannt geblieben ist. Und dann sieht man ein neues Ganzes, eine neue Welt, eine neue Bild zum Vorschein kommen.
Diese Bilder haben mich zu Texten und Gedichten angeregt, die etwas erzählen darüber was hier, zum Beispiel für mich, zu sehen ist.

Über die Pfingsttage war ich eine knappe Woche in Norwegen bei Thorvald zu Besuch um zu erleben, wie dort in diesem Hartgestein, dem Larvikit, gearbeitet wird. Ich durfte sehen wie sie jeden Tag arbeiten, hacken, Maschinen hantieren, bohren, sägen, polieren, und auch wie der Alltag sonst abläuft: Essen, schlafen, miteinander reden, über das Arbeiten, über Ideen, über Zukunftspläne.

Und ich habe selbst auch an einer Skulptur gearbeitet, eine grobe Form herausgehackt. Sie ist noch nicht fertig.
Das ist ein ganz schöner Irrweg. Man beginnt mit einem Steinblock, man wählt einen Stein in dem man etwas sieht. Man hat dann wohl eine Idee, aber noch keine konkrete Vorstellung. Man fängt an und versucht seine Idee umzusetzen. Begeisterung kommt auf und man fährt sich auch fest, muß Abstand nehmen, schauen, reden, wie soll’s weiter gehen? Manchmal (oft) weiß man gar nicht, wie’s weitergehen soll.
Es ist eine  schwere und intensive Tätigkeit, körperlich aber vielleicht noch viel mehr mental und gefühlsmäßig. Man begegnet sich selbst, man merkt daß man nicht einfach so eine Idee realisieren kann. Alles Mögliche kann einem dazwischen kommen, wenn man sein Ziel sichtbar machen möchte, ein Ergebnis zu erzielen, das klingt, das seiner Idee gerecht wird, mit der Idee übereinstimmt.

Ich sah bei Cilli den Kopf im Gras liegen.
Sie hatte ihn zur Seite gelegt, auf die Erde mitten ins Gras, so wie man es dort auf dem Foto sieht. Die Skulptur war noch nicht fertig, oder sie wußte nicht, wie es weitergehen sollte oder war noch nicht zufrieden mit dem Ergebnis, ich weiß es nicht.
Ich fotografierte die Skulptur auf eine Art und Weise, die mich zu dem Gedicht anregte, das nun dabei steht. Und so wird es wieder eine neue Bild.

PFINGSTEN
Was jetzt entsteht
Was schon so lange geht
Aber aufs Neue wird erschaffen
Durch das was wir zusammenraffen
Worin die Flamme schlagen kann
Und wir aufs Neue zu sprechen beginnen

Ich hoffe, daß auch Sie eine Vielzahl von Anregungen bekommen, wenn Sie die Skulpturen betrachten, wenn Sie die Skulpturen, die hier und draußen stehen, auf sich wirken lassen. Die Skulpturen, die hier zu sehen sind sind nur ein kleiner Teil von dem was in den vergangenen Monaten in Norwegen entstanden ist. Es handelt sich also ausnahmslos um neue Arbeiten.
Ich hoffe, daß sie für Sie erklingen, etwas zurück geben oder erfahrbar machen, was die hier anwesenden Bildhauer hinein gelegt haben.

Paul de Lange
Bredevoort, 27-8-2011

 
Eröfnung 2011 Drucken

Eröfnung Bredevoort 27-8-2011:

KLANGBILDER  /  MOMENTE DES SCHWEIGENS

 

Eine Gruppe niederländischer und deutscher Künstler hat in Norwegen im Hartgestein Larvikiet gearbeitet.
Der Titel scheint so logisch, poetisch gewählt, aber wenn Sie darüber nachdenken, seltsam: wieso Klangbilder, die doch klingen, und wie kann dies in Einklang gebracht werden mit „Momenten des Schweigens“?
Anfang des Jahres wurde im Aaltense Musea die Ausstellung „Sprechende Steine“ gezeigt. Ich hatte soeben dort meine Stelle als Direktorin angetreten. Es ging allerdings nicht um Kunst, sondern um Fossilien, Gesteine und Mineralien. Schöne bunte Edelsteine. Aber sprechen Steine? Sie wurden geschnitten oder aufgebrochen, große und kleine, gesammelt von Menschen mit Leidenschaft für diese Objekte. Sie brachten die Steine zum Leben. Sie erzählten uns wunderbare Geschichten über deren Ursprung und Entstehen.
Woher kommt das Bedürfnis zu sprechen – das Sprechen der Steine, Geschichten aus den Steinen holen? Ich habe mich mit der Frage beschäftigt und bin zu einigen Antworten gekommen (natürlich muss ich die Künstler selber noch befragen).

  1. Der Titel wurde gewählt, um Aufmerksamkeit zu erregen. „He, das hast du wohl gedacht, aber wirklich, dieser Stein ist nicht tot!“ Wie gesagt: „Schau hin und stelle fest, dass es sich lohnt. Denn: schauen wir eigentlich noch? Gehen wir in unserem hektischen Leben nicht viel zu schnell an den Dingen vorbei, statt gelegentlich stehen zu bleiben und zu genießen, was es zu sehen gibt in der Natur und Kultur. Einfach schauen, sehen und begreifen!
  2. Oder liegt es an der Wirkung von Gestein, das Ihnen einen Durchgang bietet und Sie, so Sie dafür offen sind, in eine andere Welt führt. Der Klang und zugleich die Stille suggeriert doch so etwas wie einen mystischen Kontrast, den wir aus einen sehr tiefen und intimen Erfahrung schärfen müssen. Von dem Bild zu sich selbst, eine Art Austausch von Schauen und überdenken, meditieren.
  3. Oder ist es die magische Kraft des Steines selbst. Die Wunderheilungen in Lourdes in der Höhle. Bredevoort hat sein eigenes Lourdes mit Grotte. Die heilende Wirkung kann auch vom Gestein ausgehen, zumindest kann es einen Beitrag liefern.

 

Stein und Geschichten, Sinn, Magie und besondere Kräfte.

Die Tradition geht weit zurück. Die ersten Berichte von Menschen sind auf Gestein überliefert: die Höhlenmalereien in den Höhlen von Lascaux. Die Zeichnungen handeln von dem täglichen Leben, damals besonders von Leben und Tod. Sie geben uns ein Bild von der Zeit. Die Schönheit der Zeichnungen gibt uns noch mehr. Kennen Sie die Venus von Willendorf?Venus van WillendorfAus der gleichen Zeit, etwas später, ca. 30-35.000 Jahre vor Christus. Diese kleine Dame in Stein kommt aus der urältesten Vorzeit zu uns herüber und erzählt uns, wie man damals das Leben und die Fruchtbarkeit schätzte, zumindest das denken wir uns heute, beim Schauen.
Stein, um zu erzählen vom täglichen Leben.
Stein, auch zum überleben; die Speerspitzen, in der Tat aus Hartstein, gestochen scharf.

Ich denke, dass in allen drei Optionen ein Fünkchen Wahrheit steckt: die Anleitung zum Schauen, die Meditation und die Tradition. Sie geben uns die Tiefe und die Breite des Materials an. Obendrauf legen wir noch unsere eigene Erklärung und entdecken, was es mit uns macht. Das geht mir wie dir, denn auch für mich sind die Werke noch unbekannt.

In der Regel bin ich eher zurückhaltend bei der Bitte, eine Ausstellung zu eröffnen, aber jetzt stehe ich hier wegen:

  • der Initiative selbst;
  • der Zusammenarbeit (als Studie der Inspiration);
  • das Meister/Gesellenprinzip gefällt mir;
  • Austausch über die Grenze; wichtig für mich;
  • Die Skulpturen-Route und das Erlebnis damit (es gibt viel zu erleben in Bredevoort);
  • Das gemeinsame Tun und aktive Erleben, Austausch über Kunst und Kultur.

Alles in allen Sachen, die auch für die Aaltense Musea wichtig sind. Diese erzählen Geschichten von einer „durchschnittlichen“ Gemeinschaft in normalen und ungewöhnlichen Zeiten. Das erzählen wir auf sehr unterschiedliche Weise. Künstler können auch zu dieser Geschichte beitragen. Ich sollte Sie – bei Gelegenheit – mit einem Thema herausfordern, damit sie loslegen können. Mit Material aus unserer Umgebung Geschichten erzählen (interaktiv), passend zu den Themen unserer Museen:

  • Die Textil- und Knopfindustrie
  • Die euregionale- landwirtschaftliche Entwicklung
  • Das Thema des Museums  Markt 12 in Aalten: Freiheit, Unterdrückung & Widerstand.

Zurück zu dieser Ausstellung, die Route in Stein, den Klangbildern und den Momenten des Schweigens.
Ich las über das Stein-Symposium in Norwegen, wo vor Ort gearbeitet wird. Dies ist bemerkenswert, direkt vor Ort, mit Material der Umgebung, zusammenarbeiten und umgestalten in etwas anderes, vom Menschen gemacht. Das gibt eine zusätzliche Dimension, das Erlebnis, etwas selber zu machen. In Amersfoort fand Anfang der 80er Jahre ein Bildhauer-Symposium unter freiem Himmel statt. Es war ein riesiger Publikumserfolg, weil man den Künstlern bei der Arbeit zuschauen und mit ihnen sprechen konnte.  Königin Beatrix kam auch zu Besuch, wir kennen sie als kunstliebende Eingeweihte mit dem Anspruch zu reden: sie ist immerhin selbst und nicht ohne Verdienst Bildhauerin!

Kurzum: Bildhauer, die mit Hartgestein arbeiten, befinden sich in einer langen Tradition und in guter Gesellschaft. Das Erzählen von Geschichten in aussagekräftigen Skulpturen ist seit undenkbaren Zeiten ein Weg für uns heutige Menschen, die Welt neu zu begreifen und zu sehen, was wichtig ist. Klangbilder sprechen zu uns in Momenten des Schweigens.

Ich hoffe, dass die Ausstellung ein Erfolg wird und dass die Skulpturen zu ihnen sprechen und ein breites Publikum erreichen.
Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen einen plaisierlichen  Spaziergang mit vielen Geschichten, Gedanken, Kräften und vor allem persönlichen Erfahrungen.

Gerda Brethouwer.

 
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ANSCHAUEN MIT DEINEN HÄNDEN

Ich kann mich erinnern, dass das früher nicht erlaubt war.

Als Kind wollte ich alles berühren und anfassen, aber in dem Laden war das nicht erlaubt.

Dann sagte die Verkäuferin: „Nicht anschauen mit Deinen Händen“.

Bei dieser Skulpturenausstellung wollen wir gerade dazu ermutigen, mit den Händen anzuschauen.

Denn wenn man findet, dass diese Skulpturen eine schöne Form haben, und wenn die blauen (oder schwarzen oder manchmal grünen) Kristalle die Augen verzücken, dann kann schon der Wunsch oder das Verlangen aufkommen, sie zu berühren oder mit den Händen anzufassen oder mit der Hand zu streicheln, zu fühlen wie glatt es ist, oder wie zart es sich anfühlt. Oder zu fühlen, wie die Krümmung oder Wölbung von einer Fläche verläuft.

Wenn man mit den Händen betrachtet, kann man die Augen eigentlich schliessen. Mit geschlossenen Augen kann man besser fühlen. Dann verbindet man sich damit. Man überlässt sich völlig seinen Fingern, seinen Händen. Dann vereint man sich mit dem Stein, mit der Oberfläche. Man bewegt sich dann hinein in den Stein, man dringt durch die Oberfläche hindurch.

Den Wunsch sich innig zu vereinigen kann jeder Mensch erkennen. Ein anderes Wort dafür ist Liebe. Bei der Berührung erreicht dieses Verlangen eine tiefe (sichere) Erfüllung, eine Befriedigung. Man verbindet sein – isoliertes – Selbst mit einem übergeordneten Ganzen.

Gerade am Harten, Physischen treffen wir auf das Spirituelle, das Göttliche. Berühren ist Trennung und Verbindung zugleich (Novalis). Wir können oft nicht viel darüber sagen, jedoch zumeist wohl dass wir es „schön“ finden, dass es eine „schöne Erfahrung“ ist, und dann sagen wir zueinander: „Schön, nicht wahr?“

Wir teilen die Erfahrung miteinander. Schön ist das.

Paul de Lange

 
Eröffnung 2010 Drucken

Übersetzung der Rede, gehalten am 28. August 2010 zur Eröffnung der Skulpturen Ausstellung in Bredevoort-NL.

Meine Damen und Herren,
Stillschweigende Sprache in Stein - Sprache in Stein - in Stein - Stein. Stein!
In der Kerkstraat in Bredevoort liegt fast ein wenig lässigan einer Einfahrt ein spätmittelalterliches Stück Sandstein. Bis vor kurzem konnte kein Mensch die Sprache dieses Steins zum Reden bringen. Die in Stein gemeißelten gotischen Schriftzeichen bildeten ein Rätsel. Was stand darauf? Wo kam der Stein her? Was hat die Menschen angespornt um damals einen Steinblock zu bearbeiten und Worte darauf zu schreiben? Unter Bezugnahme auf Vermutungen, Forschungen und Recherchen, die der Geschichte von Bredevoort nachgegangen sind, steht auf diesem Sandsteinfragment:  Lintell. Wir nehmen an, dass der Stein ein Fragment von dem Gedenkstein ist, der sich einst über dem Zugangsportal zu dem spätmittelalterlichen Kloster “Nazareth of Schaer“ befand. Derck van Lintelo war nämlich im Jahre 1429 einer der Stifter dieses Klosters der Männer der Devotio Modera *)und die Annalen belegen, dass sein Name den Zugang zu dem Klosterkomplex markierte. Das Kloster wurde um 1600 geschleift und die Steine, die an das Kloster erinnerten, waren mit Blick auf die seinerzeit herrschende Glaubenslehre gefährlich. Das Fragment wurde bei Baggerarbeiten in dem benachbarten Schaersbeek aufgefunden.
Stillschweigende Sprache in Stein, das Schweigen zum Sprechen bringen, weil Sprache Kommunikation ist, aber die Kommunikation mit einem Stein verlangt zumindest Offenheit, Engagement, Arbeit und Schweiß. Was hat der Mensch doch mit Steinen zu schaffen? Sehr viel. Als in unserer Geschichtsschreibung Gott das Wasser teilte und das trockene Land zum Vorschein kam und der Mensch auftauchte, begann seine Beziehung mit Steinen. Es gibt keine einzige wichtige Kultur, die nicht ihren Wesenszügen Ausdruck verlieh und verleiht, indem sie in Steine schlägt, in Stein Formen entwickelt, denn man hoffte und hofft weiter, für immer und ewig. Steine verkörpern die Unvergänglichkeit, das Bleibende, das was nicht untergehen darf im Strom der Zeit und in der Erosion der Elemente. Das flüchtige Wunder der Schöpfung, worin so Einige (und es gab Zeiten, da sahen viele das so) Gottes Anwesenheit vermuten und erfahren, fordert den Menschen heraus Grenzsteine zu hauen, Markierungspunkte in unvergänglichem Stein zu hinterlassen.
Wir verstehen viel, so denken wir, wir können viel erklären und beweisen, aber im großen Gang von Zeit und Raum mit unserem Raumschiff “Erde“ fühlen wir in unseren besten Momenten, dass uns vieles als Geschenk gegeben wurde. Die Kunst ist es, das Geschenk auszupacken.
Künstler, Bildhauer die Larvikit in dem fernen Norwegen mit Sägen, Hämmern, Beiteln, Schleifscheiben und was sonst noch allem auspacken als ein Geschenk wissen, dass die stillschweigende Sprache von dem Wunder der Schöpfung erschlossen werden muss. Eigentlich ist es eine sehr demutsvolle Arbeit, weil der Stein so stark ist, so widerspenstig. Ausdauer, schmerzende Hände, Staub und Schweiß, sie enthüllen die Sprache in der Form die schon verborgen war in dem Stein, der einst aus der Tiefe der Erde kam.
Alanus ab Insula, Alanus van Rijssel, ist der Namenspatron der Hochschule in Alfter bei Bonn. Studenten dieser Hochschule trugen dazu bei die stumme Sprache in Stein zum Sprechen zu bringen. Einer der Sprüche des Alanus, jenes Theologen des 12. Jahrhunderts, lautet: Gott ist wie eine Kugel, deren Mittelpunkt überall ist und deren Umhüllung nirgends. Künstler, die Seher in Stein, sie gehören zu diesem schöpferischen Mittelpunkt.

Eine echte Steinskulptur finde ich, ohne den anderen Unrecht tun zu wollen, “Wiedersehen“ oder “wieder sehen“. Es liegt einfach nur daran, worauf man die Betonung legt.  Es ist eine Form im Stein, ausgepackt vom Bildhauer, die einen wesentlichen Wunsch des Menschen ausdrückt:  Wiedersehen, wieder sehen.
In unserer heutigen Kultur ist ziemlich oft die Rede von Verschlampung. Das Oberflächliche, das Triviale, das Flache werden als höchste Errungenschaftenangepriesen. Alanus würde sich in seinem Grab im Kloster Citeaux umdrehen. Er sah das wahre menschliche Leben in der Harmonie mit dem Geschenk der Schöpfung, erst hervorgebracht, als der Mensch, es klingt altmodisch, wieder Tugenden entwickelt, die ihn sich öffnen lassen für die Einwohnung des Schöpfers, um selbst zum Schöpfer zu werden. Er vergleicht den tugendhaften Mensch mit einer Festung. Es könnte die Festung in Bredevoort sein. Die Festung ist auf Tugenden errichtet wie der Demut (der Festungswall), wie der Standfestigkeit (die Mauern aus Stein), wie dem Mut (die Türme), wie der Kraft des Geistes (das Bollwerk). Es sind meiner Meinung nach “Mit-“ Tugenden die notwendig sind um die Sprache in Stein zum Reden zu bringen.
Ich sprach bereits über die demutsvolle Arbeit des Bildhauers. Es sind keine Rufer von Oneliners, sondern mehr zurückhaltende und zum Schweigen neigende Menschen, die in der Stille des Schweigens die Sprache in Stein hören und ihr eine Stimme verleihen. In den Steinen leuchtet der Larvikit blau hervor, vor allem dort wo er poliert wurde, um den Übergang von Urform zu Schöpfung zu markieren. Es ist eine Tat mit kulturellem Tiefgang. Diese Bildhauer sind die Enthüller der Farbe der Erde. Das Blau mit der Sprache die man wiedersehen muß oder wieder sehen.
Bredevoort kennt “Bredevoort Boekenstad“. Das zu Ende geschriebene Buch, in dem die Sprache zum Schweigen gebracht wurde, sucht nach dem Leser, der die Kraft herausholt und den Worten neues Leben einhaucht.
Bredevoort kennt das Atelier von Thorvald Dudok van Heel in dem alten Gebäude in der Koppelstraat. Ein Atelier das dem Medium Stein, Larvikit, Rechnung trägt, um das, was augenscheinlich und “ohrscheinlich“ nicht lesbar und hörbar ist, erfahrbar zu machen. Stille Kommunikation. Unsere Zeit voller lärmender sogenannter Kommunikation braucht das. Bredevoort braucht das.
Ich eröffne darum demütig diese Ausstellung „Stumme/wortlose Sprache in Stein“. Und ich wünsche Ihnen damit, demütig und verträumt, das geöffnete Buch aus Larvikitstein mit Ihrer Aufmerksamkeit zu erreichen. Vor allem Sie selbst zu bereichern. Mein Glückwunsch gilt Thorvald Dudok van Heel, der Stiftung und allen teilnehmenden Künstlern. Mein Glückwunsch gilt auch Bredevoort.
Hans de Graaf

*)Die devotio moderna (= neue Frömmigkeit) gilt als die bekannteste und wirksamste religiöse Erneuerungsbewegung des Spätmittelalters mit Nachwirkungen auf beide christliche Kirchen der abendländischen Neuzeit. Als eigenständige Frömmigkeitsbewegung, die einen „dritten Weg“ zwischen weltlichem und klösterlichem Leben zu gehen versuchte, drückte sie nicht nur Kritik an bestehenden Verhältnissen aus, sondern sie war zugleich Ausdruck eines neuen Geistes, der dem Humanismus verwandt ist, und Wegbereiter weltlicher und kirchlicher Erneuerung im Übergang zur jüngeren Geschichte.

Der Begriff devotio moderna wird Henricus Pomerius 1420 zugeschrieben. Den Ursprung der devotio moderna sieht man im Wirken von Geert Groote aus Deventer NL (1340-1384)  Die Bewegung strahlte von den Niederlanden, insbesondere dem IJsselgebiet, aus und verbreitete sich über weite Gebiete Deutschlands, vor allem im Rheinland und im Elsass. .

 
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ANSCHAUEN MIT DEINEN HÄNDEN

Ich kann mich erinnern, dass das früher nicht erlaubt war.

Als Kind wollte ich alles berühren und anfassen, aber in dem Laden war das nicht erlaubt.

Dann sagte die Verkäuferin: „Nicht anschauen mit Deinen Händen“.

Bei dieser Skulpturenausstellung wollen wir gerade dazu ermutigen, mit den Händen anzuschauen.

Denn wenn man findet, dass diese Skulpturen eine schöne Form haben, und wenn die blauen (oder schwarzen oder manchmal grünen) Kristalle die Augen verzücken, dann kann schon der Wunsch oder das Verlangen aufkommen, sie zu berühren oder mit den Händen anzufassen oder mit der Hand zu streicheln, zu fühlen wie glatt es ist, oder wie zart es sich anfühlt. Oder zu fühlen, wie die Krümmung oder Wölbung von einer Fläche verläuft.

Wenn man mit den Händen betrachtet, kann man die Augen eigentlich schliessen. Mit geschlossenen Augen kann man besser fühlen. Dann verbindet man sich damit. Man überlässt sich völlig seinen Fingern, seinen Händen. Dann vereint man sich mit dem Stein, mit der Oberfläche. Man bewegt sich dann hinein in den Stein, man dringt durch die Oberfläche hindurch.

Den Wunsch sich innig zu vereinigen kann jeder Mensch erkennen. Ein anderes Wort dafür ist Liebe. Bei der Berührung erreicht dieses Verlangen eine tiefe (sichere) Erfüllung, eine Befriedigung. Man verbindet sein – isoliertes – Selbst mit einem übergeordneten Ganzen.

Gerade am Harten, Physischen treffen wir auf das Spirituelle, das Göttliche. Berühren ist Trennung und Verbindung zugleich (Novalis). Wir können oft nicht viel darüber sagen, jedoch zumeist wohl dass wir es „schön“ finden, dass es eine „schöne Erfahrung“ ist, und dann sagen wir zueinander: „Schön, nicht wahr?“

Wir teilen die Erfahrung miteinander. Schön ist das.

Paul de Lange